Alemolpedia: „jornada de reflexión“

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Selbst wenn du dich nicht für Politik interessieren solltest, und schon gar nicht für die deutsche Politik, wirst du mitbekommen haben, dass gestern die Bundestagswahl stattfand. Ich will gar nicht darauf eingehen, ob die „Guten“ oder die „Bösen“ gewonnen haben, sondern auf den bis gestern betriebenen Wahlkampf. Das dürfte Spanier verwundern, denn was war denn mit dem in Spanien üblichen „jornada de reflexión“? Genau, einen solchen Tag gibt es in Deutschland nicht. Die Parteien legen sogar einen wahren Endspurt ein und nutzen den Wahltag praktisch bis zur letzten Minute. Daher widmet sich die Alemolpedia heute der Suche nach möglichen Übersetzungen für den sogenannten „jornada de reflexión“. Und das ist keine leichte Aufgabe, denn wie soll man etwas nennen, das gar nicht existiert?

Doch was genau ist ein „jornada de reflexión“? Im spanischen Wahlgesetz vom 19. Juni 1985 ist geregelt, dass es am letzten Tag vor der Wahl – also ab Samstag, um Mitternacht, wenn die Wahl auf einen Sonntag fällt – verboten ist, Wahlwerbung zu machen und die Wähler um ihre Stimme zu bitten. Einen solchen Tag gibt es nur in wenigen Ländern und hin und wieder kommen Zweifel an seiner Notwendigkeit auf (Artikel von El País auf Spanisch).

Einige Wörterbücher schlagen unbefriedigende Übersetzungen vor, wie Becher den „Tag vor den Wahlen“, wohingegen in anderen Bereichen, beispielsweise in religiöser Hinsicht, von „Besinnungstag“ oder „Tag der Besinnung“ gesprochen wird. Ich finde eine wörtlichere Übersetzung wie „Reflexionstag“ passender, die mitunter verwendet wird, wenn jemand einen Tag braucht, um über eine ausstehende Entscheidung oder jüngste Erlebnisse und Erfahrungen nachzudenken, was ja recht gut passt. Allerdings ist je nach Zusammenhang des Begriffs eventuell eine nähere Ausführung im Sinne von „Reflexionstag vor der Wahl“ erfordert. Eine weitere Möglichkeit wäre eine freie Übersetzung, welche die Idee des spanischen Begriffs wiedergibt: „wahlkampffreier Tag“. Da versteht man doch gleich, was gemeint ist, oder? Hast du noch einen Vorschlag?

Welchen Begriff oder Ausdruck würdest du gerne in die Alemolpedia aufnehmen? Schreib mir: andre@diariodeunalemol.com

4 KOMMENTARE

  1. Guter Eintrag für die Alemolpedia! Das wird eine harte Nuß. Wenn ich mir überlege, welche Parteien zur Wahl anstehen und dass man am letzten Tag vor der Wahl nach wochenlanger Wahlwerbung mit seiner lieben Not alleine gelassen wird, um zwischen diesen Parteien abzuwägen, komme ich in Versuchung, diesen Tag als ¨Tag der Verzweiflung¨ zu übersetzen. Ob das ein Deutscher verstehen könnte? Wohl kaum. Oder vielleicht lieber ¨Tag des kleineren Übels¨? Schwierig…

  2. Nimmst Du auch deutsche Wörter in Deiner Alemolpedia auf? Ich würde gerne ein Begriff vorschlagen, vor dem ich etwas ratlos stehe: Leistungsschutzrecht. Es ist nämlich so, dass ich darin keine Leistung erkenne, keinen Schutz verspüre und kein Recht empfinde. Einen dreifachen Euphemismus hat man nicht alle Tage. Unsere Politiker sind große, wenn auch verkannte Dadaisten.

    • Hallo, Jordi, eigentlich widme ich mich eher spanischen Begriffen, die unübersetzbar scheinen, weil es mir leichter fällt, in meiner deutschen Mutterspracher ein Pendant zu finden, als das umgekehrt der Fall wäre.
      Trotzdem danke für dein Beispiel, das dir zwar eine merkwürdige Zusammenstellung erscheint, aber in spanischsprachogen Texten der Europäischen Union in Verbindung mit Urheberrechten schlicht als “derechos de autor y ***derechos afines/conexos***” bezeichnet wird.
      Und ja, Politiker aller Länder haben ein Faible dafür, Unwörter zu schaffen …

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