Sprachklischees

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Wie alle Klischees entstehen auch Sprachklischees in erster Linie durch Unkenntnis. Wenn wir beispielsweise eine Sprache nachahmen, die wir nicht beherrschen, wiederholen wir bestimmte Laute und Strukturen, die wir als charakteristisch für diese Sprache empfinden. Als Kind, als ich noch kein Englisch verstand, imitierte ich die Laute aus englischsprachigen Liedern oder versuchte mich mit Näseln und (fiktivem) Kaugummikauen sogar am Unterschied zwischen British English und American English. Ähnlich ging es mir auch mit der spanischen Sprache, die mich erstmals mit „Entre dos tierras“ von Héroes del Silencio in den fernen 1990er-Jahren begeisterte … Lernt man dann aber erst einmal eine Sprache und ihren Wortschatz, dann erkennt man sozusagen die Matrix, die Nichtsprechern verborgen bleibt. Da ist es umso erheiternder, wieder an Sprachklischees erinnert zu werden, die man selbst mittlerweile vergessen hat. Manchmal geschieht das mit absichtlich so konzipierten Werbekampagnen, wie ich bereits in einem älteren Artikel beschrieb. Ein gutes Beispiel ist auch das verbreitete Video der englischen Komikerin Catherine Tate, in dem sie als vermeintliche Dolmetscherin für sieben Sprachen auftritt. Ab Minute 1:05 „spricht“ sie Spanisch:

Die spanische Sprache wird hier wie so oft auf ihr charakteristisches Rattern und Lispeln reduziert. Deswegen und auch wegen der Wiederholung von Silben wie „-os“ und „-as“ empfinden Deutsche die spanische Sprache mitunter als sehr schnell und hart – für sie klingt ein spanischer Satz wie aus der Maschinenpistole geschossen. Witzig ist, dass dies auch umgekehrt der Fall ist: Spanier, die des Deutschen nicht mächtig sind, halten unsere Sprache für schroff, hart und schnell, und oft greifen sie beim Nachäffen zu einem bekannten Filmklassiker von Charlie Chaplin:

Interessanterweise wurde mir schon mehrfach von Freunden und Angehörigen in Spanien und Deutschland bescheinigt, die Sprache des jeweils anderen Landes klinge so, als würde man ohne Punkt und Komma reden oder sich gar beschimpfen. Was ist dran an diesen Klischees? Sprachforscher der Universität Lyon haben sich mit der Dynamik verschiedener Sprachen befasst und dabei unter anderem ermittelt, dass Spanier knapp acht Silben in der Sekunde artikulieren, während wir Deutschen es auf gerade einmal sechs Silben bringen. Trotzdem wenden wir dieselbe Zeit auf, um einen Gedanken zu äußern, da die Informationsdichte – also die in den Silben übermittelten Informationen – variiert, wie das folgende Schaubild zeigt (Quelle: Publico.es): Daraus könnte man also spitz folgern, das Spanier viel reden, aber dabei genauso viel sagen wie wir Deutschen. Was denkt ihr darüber? Oder pflegt ihr ganz andere Sprachklischees?

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