Alemolpedia: „tardeo“

Diese Spanier … Jetzt haben sie doch tatsächlich etwas völlig Verrücktes und Neuartiges erfunden, nämlich ein um einige Stunden vorgezogenes Nachtleben! „Tardeo“ heißt diese Erfindung, deren Ursprung gleich mehrere Städte und Regionen – darunter Alicante, Albacete und Murcia – für sich beanspruchen und deren Name auf das Ausgehen am späten Nachmittag und frühen Abend (spanisch: „tarde“) Bezug nimmt. Werden die Spanier etwa jetzt zu „stinknormalen“ Europäern, die spätestens um 21:00 Uhr zu Hause hocken? Ist das „tardeo“ gar der Anfang eines sozialen Wandels, wie in jüngeren Medienberichten vermutet wird? Tatsache ist, dass der Trend für die Gastronomieverbände in Spanien buchstäblich ein gefundenes Fressen (und Saufen) ist und nach den oben genannten Städten nun auch von Valencia aufgegriffen wird, wo in diesem Frühling erstmals eine Initiative namens „Ruta del tardeo: tapas y copas“ stattfindet.

Noch haben sich weder die eigentlich recht schnelle Stiftung Fundéu BBVA noch die Rechtschreibpäpste der Real Academia Española mit dem Neologismus „tardeo“ befasst, doch in der Alemolpedia hält er bereits Einzug. Im Deutschen entspricht die Neuschöpfung wohl am ehesten einer Art „Abendleben“ (im Gegensatz zum „Nachtleben“), was sich aber wohl kaum durchsetzen wird. Unter der Woche genießen wir Deutschen am frühen Abend weiter das „Feierabendbier“, das in Spanien seit einigen Jahren in hippen Kreisen unter dem englischen Namen „afterwork“ zelebriert wird. Da das „tardeo“ in Mitteleuropa keineswegs ein neuartiges Phänomen ist, sondern am Wochenende auf der Tagesordnung steht, wird wohl kaum ein neuer deutscher Begriff dafür aufkommen, sodass man „tardeo“ – wenn der Trend in einem Text für ein deutschsprachiges Publikum besprochen werden sollte – sicher nur unübersetzt in Beiträgen über Spanien finden wird, wie beispielsweise in dem deutschen Zeitungsartikel „Den Tag zur Nacht gemacht“ oder dem (von mir) übersetzten Artikel „Tardeo Alicante. Ein neues Freizeitverständnis“.

Welchen Begriff oder Ausdruck würdest du gerne in die Alemolpedia aufnehmen? Schreib mir: andre@diariodeunalemol.com

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4 Responses to Alemolpedia: „tardeo“

  1. Pablo Bouvier says:

    Ahora sí que el título del artículo me ha dejado totalmente descolocado, André. Yo pensaba que lo del «tardeo» iba por la fea costumbre que tenemos los españoles de llegar tarde a todos lados y resulta que no; que de lo que se trata es de disfrutar de la vida a horas razonables. Pues, que ¡viva el tardeo!

  2. Tobee says:

    Ja, es ist schon erstaunlich, wie viele Phänomene in Spanien mit einiger Verspätung ankommen. Vor Jahren schüttelten meine spanischen Freunde noch den Kopf über die bei deutschen Studenten beliebte Mitfahrgelegenheit. Mittlerweile erfreut sich BlaBla-Car in Spanien auch großer Beliebtheit. Ebenso belächelt wurden bei München-Besuchen die After-Work-Parties – jetzt gibt es also die “Tardeos”. Zumindest beim Car-Sharing war der Abstand zwischen der Einführung in Deutschland und der Einführung in Madrid nicht mehr ganz so groß…

    • Ja, das war früher so, aber in den letzten Jahren scheint Spanien immer mehr gleichzuziehen, wobei ich auch verstehe, dass man nicht immer gleich auf jeden neuen Trend anspringt und erst mal (neugierig) abwartet. Dafür war man aber in Spanien bei der Nutzung von Facebook und WhatsApp erstaunlich schnell vorne mit dabei, um nur mal zwei Beispiele zu nennen, die mir spontan einfallen. ¡Saludos!

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